Geborgen und frei – von solidarischem Handeln und individueller Selbstbestimmung
These: Unsere aktuelle Gesellschaftsform braucht mehr integrierende Gemeinschaftselemente, um weiterhin ein selbstbestimmtes, individuelles, autonomes und freies Leben zu ermöglichen.
Dies klingt nach einem Widerspruch. In Gemeinschaft zu leben verlangt Kompromisse und schränkt die individuelle Entfaltung des Einzelnen ein. Das gilt für alle Formen von Gemeinschaft, egal ob in der Familie, am Arbeitsplatz, als Bürger einer Kommune oder als Mitglied eines Stammes vor tausenden von Jahren – immer muss sich der Einzelne zurücknehmen und den gemeinschaftlichen Interessen unterordnen. Gemeinschaft (der soziale Organismus) ist quasi der Gegenpol zum Individuum.
Wenn man die Menschheitsgeschichte betrachtet, dann stellt man einen deutlichen Autonomiegewinn des Individuums fest – mehr Freiheit für jeden Einzelnen. Noch vor wenigen tausend Jahren war ein einzelner Mensch ohne Gemeinschaft nicht dauerhaft überlebensfähig. Er musste aus wirtschaftlichen Gründen in Gemeinschaft leben. Die heutige individualistische Gesellschaftsform ist eine kulturelle Entwicklungsleistung, die jedem Einzelnen Lebenschancen gewährt, die die meisten unserer Vorfahren (Ahnen) nicht hatten.
Individuelles Leben ist nur in einer arbeitsteiligen Dienstleistungsgesellschaft möglich. Früher konnte ein allein lebender Höhlenbewohner nicht zum Einkaufen gehen, sondern damals mussten alle Mitglieder eines Stammes gemeinsam dazu beitragen, das Überleben zu sichern. Das Dienstleistungszeitalter schafft die Grundlage für die heutige individuelle Freiheit. Der Einzelne arbeitet, bekommt dafür ein neutrales Tauschmittel (Geld) und kann damit alle zum Leben notwendigen Bedürfnisse erfüllen.
Es gibt inzwischen nichts mehr, was man nicht als Dienstleistung kaufen könnte. Doch diese werden immer teurer, weil durch Menschen erbrachte Dienstleistung nicht unendlich rationalisiert werden kann. Technische Produkte, z.B. Digitalkameras, werden durch Rationalisierung immer günstiger, d.h. ich kann pro Zeit- und Kapitaleinheit mehr Gewinn erwirtschaften. Ein Hausmeister dagegen kann nur einen Rasen gleichzeitig schneiden. Er kann seine Effizienz ab einem gewissen Punkt nicht mehr steigern. Deswegen werden Hausmeisterdienste im Vergleich zu Digitalkameras immer teurer. Lebensstile – wie z.B. unser heutiger, die zu viel Dienstleistung in Anspruch nehmen, tragen deshalb zu steigender sozialer Ungleichheit bei.
Soziale Autonomie, bzw. Individualismus wird zunehmend teurer. Wenn man niemand hat, den man um Hilfe fragen kann, eine Glühbirne zu wechseln, muss man eine Dienstleistung, z.B. den Hausmeister-Service, in Anspruch nehmen. Dann bezahlt man für einen lächerlich kleinen Handgriff schnell einen Betrag, für den man sich auch eine Digitalkamera kaufen könnte. D.h. der professionelle menschliche Handgriff ist überproportional teuer – Tendenz immer rascher steigend.
Professionell erbrachte Dienstleistungen haben den Vorteil, dass durch die Bezahlung der Rechnung alles beglichen ist. Der Hausmeisterdienst erwartet keine Dankbarkeit, sondern die Bezahlung seiner Rechnung. Mit Geld kann man sich „Autonomie-Einheiten“ kaufen. Die Illusion der Moderne allerdings ist, dass jedes einzelne Individuum autonom, unabhängig und frei leben kann. Beim Hausmeisterservice kann ich mich darauf verlassen, dass er mir hilft – er will ja seine Dienste an mich verkaufen und an mir verdienen. Bei meinem Nachbar kann ich mich nicht immer darauf verlassen, dass er mir hilft. Dies ist ein sozialer Aushandlungsprozess.
Viele Menschen sehnen sich heute nach mehr menschlicher Gemeinschaft – auch wenn sie es zum Teil gar nicht merken und statt dessen konsumieren – letztendlich um „dazuzugehören“. Als Gegenbewegung zur „Konsumgesellschaft“ haben sich lokale Tauschringe, Betriebe mit solidarischer Ökonomie, Umsonstläden, Kommunen, Regionalwährungen, Wohnprojekte, uvm. inzwischen etabliert. Allerdings bleiben sie quasi gefangen in einer gesellschaftlichen Nische. Warum ist dies so?
Solange ein Individuum wirtschaftliche Vorteile aus der Kooperation mit anderen zieht, funktioniert das. Das aktuelle Haupt-Tauschmittel, Geld, „stinkt“ nicht. Es ist vollkommen neutral. Dem professionellen Dienstleister ist es egal, wem er seine Dienstleistung erbringt – Hauptsache, die Rechnung wird bezahlt.
Ohne wirtschaftlichen Vorteil allerdings, also beispielsweise beim Tausch von Zeiteinheiten, sinkt die Bereitschaft zur Kooperation. Um dennoch zu kooperieren, ist ein „soziales Gleitmittel“ nötig: Solidarität.
Solidarität beruht letztendlich auf sozialer Ähnlichkeit: auf ähnlicher Lebenseinstellung, Glaubensauffassung, Lebensführung oder demselben Fußballverein. Solidarisch ist man mit Menschen, die einem irgendwie nahe stehen. Trifft man als Augsburger in der Bretagne in Frankreich auf ein Auto mit Augsburger Kennzeichen, fühlt man sich mit Menschen verbunden, die man in der Heimat nicht unbedingt als ähnlich wahrnimmt.
Da man sich nicht mit allen Menschen solidarisch fühlen kann, weil sie einem nicht nahe, nicht ähnlich genug sind, ist globale Solidarität ein moralischer Appell, der nicht fruchten kann (es sei denn, Außerirdische würden angreifen – in diesem Fall würde die Menschheit automatisch solidarisch handeln, da es Andere gibt, die unähnlicher sind …). Menschsein lebt von Unterschiedlichkeit. Diese kann über das neutrale Tauschmittel Geld überwunden werden – als Teil unserer kulturellen Entwicklung. Solidarität hingegen lebt von Ähnlichkeit, die Menschen miteinander verbindet.
In dem Moment wo überregionale Systeme brüchig werden, schafft bewusst gelebte Gemeinschaft in überschaubaren Einheiten soziale Nachhaltigkeit. Die neue Sehnsucht nach Gemeinschaft könnte man als solidarische Kooperation von Egoisten bezeichnen, die wissen, dass ihre Bedürfnisse nur durch Gegenseitigkeit befriedigt werden können. Wichtig dabei ist, die bewusst gewählten Gemeinschaften so zu gestalten, dass ein in hohem Maße selbstbestimmtes Leben möglich bleibt.
Fazit:
Kleinräumige Beziehungsgeflechte vor Ort, wechselseitige Austauschhandlungen von Menschen mit ähnlichen Lebenseinstellungen schaffen zusätzliche Netzwerke, die nicht verallgemeinert werden sollten. Im Gegenteil: in je mehr unterschiedlichen Zusammenhängen ein Mensch Gemeinschaft erleben kann, desto größer bleiben seine individuellen Entwicklungschancen.
Detlev Ihlenfeldt M.A. 2009
- Artikel (8)
- Blog (allgemein) (4)
- Gesellschaft (8)
- Glück (2)
Ein Juniorprofessor aus Darmstadt tritt gegen Facebook an. Er baut „Safebook“ – ein dezentrales Netzwerk, ... mehr
Livestream-Aufzeichnung eines Gesprächs, das Digital Natives am 15. Jan 2009 mit Prof. Peter Kruse führten.
... mehr
Ich würde gern mit Menschen arbeiten und freue mich über jede Idee, jeden Vorschlag.
... mehr
Der amerikanische Philosoph Ken Wilber sprach davon, dass spirituelle Praxis gar nicht zur Erleuchtung führen kann, ... mehr
- Februar 2012 (1)
- April 2010 (3)
- Januar 2010 (2)
- April 2009 (3)
- März 2009 (2)
- Februar 2009 (2)